Konzept · Tiergestützte Therapie

Therapeutisches Imkern: Ein Konzept für die tiergestützte Arbeit mit Bienen

Von Judith Krah

Wie kann die Arbeit mit Bienen Menschen therapeutisch unterstützen? Judith Krah stellt ein Konzept für therapeutisches Imkern vor – von den Grundlagen tiergestützter Therapie über Zielgruppen und Wirkungen bis zur praktischen Umsetzung am Bienenstand.

Diese Konzeptarbeit entstand im Rahmen eines Praktikums bei Outside e.V. Sie gibt die Sicht der Autorin wieder und ersetzt keine medizinische oder therapeutische Beratung.

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung
  2. Definition tiergestützte Therapie
  3. Geschichtliche Entwicklung der tiergestützten Therapie
  4. Zielgruppen für therapeutisches Imkern
  5. Was fördert therapeutisches Imkern?
  6. Beispiele: Forensische Psychiatrie Mainkofen und JVA Offenburg
  7. Das Wesen der Bienen
  8. Praktische Umsetzung therapeutischen Imkerns
  9. Standort und benötigte Materialien
  10. Zusammenfassung
  11. Literatur

1. Einleitung

Dieses Konzept umfasst eine Anleitung für therapeutisches Imkern – als Angebot für Einrichtungen oder als externe Dienstleistung. Im Gegensatz zu dem mittlerweile sehr weit verbreiteten Konzept der tiergestützten Therapie wird therapeutisches Imkern bislang deutschlandweit nur in zwei Einrichtungen angeboten. Die Form der externen Dienstleistung ist ein noch nicht erprobtes Therapieangebot und soll hiermit als neues Konzept mit größerem Spielraum vorgestellt werden. Die Zielgruppe ist frei wählbar, und es kann individuell auf Fähigkeiten und Bedürfnisse eingegangen werden.

Ist von therapeutischem Imkern die Rede, wird der Begriff häufig mit der Apitherapie in Verbindung gebracht. Die Apitherapie wird zu medizinischen Zwecken eingesetzt und nutzt die Bienenprodukte Honig, Propolis, Bienengift, Pollen, Gelée royale und Bienenluft. Beim therapeutischen Imkern spielt das jedoch nur eine Nebenrolle, da diese heilsamen Stoffe den Imker bei der Arbeit am Bienenstock ohnehin umgeben. Der Duft begleitet ihn bei jedem Öffnen der Kästen, und auch das Probieren des frischen, vitaminreichen Honigs oder des säuerlich-scharf schmeckenden Gelée royale bietet sich an. Stiche der Bienen lassen sich nicht immer vermeiden, was die Aufnahme des heilsamen Bienengifts begünstigt.

Mit der Tätigkeit als Imker wird eine Beziehung zum Bienenvolk aufgebaut, die Vertrauen zu diesen für viele Menschen bedrohlich wirkenden Tieren schafft. Die Arbeit mit den Bienen stärkt das Selbstvertrauen und eröffnet neue Lebensperspektiven.

In der heutigen, stark technisierten Welt geht der Bezug zur Natur immer mehr verloren. Das Wissen darüber, wie unsere Lebensmittel produziert werden und woher sie stammen, rückt in den Hintergrund. Durch den Kontakt mit den Tieren eröffnet sich den Klient:innen ein neues Feld: Sie lernen Naturprozesse kennen und kommen in Kontakt mit der Natur. Ein wichtiger Bestandteil des Imkerns ist es, die Entwicklung der Flora sowie die klimatischen und meteorologischen Verhältnisse im Blick zu haben, denn sie sind aussagekräftig für die Stimmung im Volk.

In diesem Konzept möchte ich aufzeigen, welche Bedeutung der Arbeit mit den Bienen zukommt. Einführend gebe ich eine Definition tiergestützter Therapien und ihrer Entwicklung und stelle konkrete Beispiele therapeutischen Imkerns vor. Der Schwerpunkt liegt auf der Förderung durch therapeutisches Imkern, auf der genauen Vorgehensweise des Therapieangebots mit den Bienen und darauf, was dabei beachtet werden muss.

2. Definition tiergestützte Therapie

Tiergestützte Therapie ist ein Behandlungsverfahren zur Heilung von Symptomen bei psychischen bzw. neurotischen und neurologischen Erkrankungen, bei Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungsstörungen, bei Senior:innen und bei Menschen mit geistiger Behinderung. Eingesetzt werden verschiedene Tierarten, zum Beispiel Pferde in der Reittherapie, Hunde, Katzen, Delfine oder Lamas, aber auch Nutztiere wie Schafe und Ziegen.

Durch den Einsatz von Tieren soll eine Beziehung zum Tier entstehen, die positives Erleben und Verhalten fördert. Die zu therapierenden Menschen interagieren mit den Tieren, kommunizieren über ein Tier oder werden für es tätig. Ziel der Therapie ist es, körperliche, kognitive und emotionale Funktionen wiederherzustellen und zu erhalten. Die Wahrnehmung wird geschult und die Konzentration auf eine Tätigkeit gefördert, sodass die Klient:innen entsprechend ihren Fähigkeiten handeln und teilhaben können. Mit zielorientierten Maßnahmen, die die Bedürfnisse der jeweiligen Klient:innen befriedigen, soll das Wohlbefinden verbessert werden.

Die Therapie wird als Einzel- oder Gruppentherapie angeboten. In der Einzeltherapie fungiert das „Therapiepaar“ als Einheit, die Bindung zum Tier ist sehr stark. In der Gruppentherapie stehen der Gruppenprozess und die Zusammenarbeit im Team im Vordergrund. Die Therapie wird nach tierethischen Grundsätzen durchgeführt.

Soziale Kompetenzen werden geübt und sollen auf den Umgang mit den Mitmenschen übertragen werden. Starke emotionale Empfindungen wie Wutausbrüche, Angstzustände oder Frustration lassen sich überwinden. In einer anschließenden Reflexion können aufsteigende Emotionen und Erlebnisse besprochen werden; eine prozess- und themenorientierte Therapieweise kann so zur Auflösung der Themen führen.

3. Geschichtliche Entwicklung der tiergestützten Therapie

Zunächst ist ein Rückblick auf die Veränderung der Mensch-Tier-Beziehung seit Beginn der Menschheitsentwicklung sinnvoll. In der Zeit der Sammler und Jäger verstanden sich die Menschen noch stärker als Teil der Natur. Mit Beginn der Sesshaftigkeit, als erstmals Landwirtschaft betrieben und Tiere domestiziert wurden, veränderte sich das Verhältnis zwischen Mensch und Tier: Die friedliche Koexistenz wurde von einem Besitzverhältnis abgelöst, und der Mensch erhob sich über die Tierwelt. Er sah sich nun als Herrscher und Kontrolleur, der die Tiere für seine Bedürfnisse nutzt (Frömming 2006).

Mit der Haltung von Nutztieren entwickelte sich eine persönliche Beziehung zu den Tieren, und das Schlachten löste Schuldgefühle aus. Als sich die Haltung von Haustieren als kuscheligen Freunden und Begleitern immer weiter verbreitete, wurde stärker zwischen Haustier und Nutztier unterschieden. Während in Schlachthäusern täglich Unmengen von Tieren getötet werden und dem immer weiter steigenden Fleischkonsum zum Opfer fallen, wird mit dem eigenen Haustier liebevoll umgegangen.

Es wurde erkannt, dass sich Tiere positiv auf den Menschen auswirken und eine Ersatzrolle für zwischenmenschliche Beziehungen einnehmen. Der bewusste Einsatz von Tieren als Therapieform führte zu neuen Erkenntnissen und eröffnete ein neues Forschungsfeld, das sich mit der Wirkweise der therapeutischen Intervention auf psychologische und physiologische Effekte auseinandersetzt.

Tiere werden schon seit dem 8. Jahrhundert für therapeutische Zwecke eingesetzt. Die ersten Zeugnisse positiver Erfahrungen mit der Mensch-Tier-Beziehung zur Förderung des Wohlbefindens von Menschen mit psychischen Erkrankungen stammen aus Gheel in Belgien aus dem 9. Jahrhundert. Dort wurde die „therapie naturell“ durchgeführt, bei der es darum ging, sozioökonomisch benachteiligten Menschen durch die Arbeit auf einem Bauernhof eine bessere Lebensgrundlage zu geben.

In dieser Frühphase des Mittelalters war es üblich, Menschen mit geistigen bzw. körperlichen Beeinträchtigungen in Verliese zu sperren oder als Aussätzige zu behandeln. Psychische Störungen wurden damals nicht als Erkrankung erkannt, und die Betroffenen galten als Außenseiter der bürgerlichen Gesellschaft. Sie wurden in Armen- und Zuchthäusern untergebracht, um sie vom Rest der Gesellschaft fernzuhalten.

Quellen aus dem 18. und 19. Jahrhundert berichten von Versuchen tiergestützter Therapie im psychischen Bereich. Angelsächsische und deutsche Krankenhäuser öffneten ihre Türen für die Anwendung und Erprobung tiergestützter Therapieformen. Ansatz der Therapie war die unterstützende und heilende Wirkung der Tiere auf den Menschen: Es sollte ein Ort geschaffen werden, an dem psychisch Kranken Respekt und Wertschätzung entgegengebracht wird. Durch die Übernahme von Verantwortung für das Tier sollten Selbstheilungskräfte angeregt werden.

1867 wurde in Bethel eine Heil- und Pflegeanstalt für Menschen mit Epilepsie gegründet. Sie entstand auf einem Hofgut, wo die Epilepsiekranken durch den Umgang mit den Tieren Heilung erfahren sollten. 1947 entstand auf einer Farm ein Internat für verhaltensgestörte, behinderte und missbrauchte Kinder. Ziel war es, die emotionale Gesundheit und das Wohlbefinden der Kinder zu fördern, indem sie in die Arbeit mit den Tieren eingebunden wurden. Diese Institution existiert noch heute als erfolgreiches Langzeitprojekt.

Einige dieser Projekte haben das Konzept der tiergestützten Therapie nicht bewusst verfolgt, sondern den Umgang mit Haus- bzw. Nutztieren eher genutzt, um Menschen zu beschäftigen und zu beruhigen.

4. Zielgruppen für therapeutisches Imkern und ihr Krankheitsbild

Therapeutisches Imkern findet in Einzel- oder Gruppensettings statt. In Gruppensettings kann eine ausgewählte Zielgruppe in ganz speziellen Bereichen gefördert werden. So liegt der Schwerpunkt der Therapie für Menschen mit geistiger Behinderung an anderer Stelle als für Menschen mit psychischen Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten.

Die folgenden Abschnitte teilen drei große Zielgruppen ein und beschreiben das Krankheitsbild im Zusammenhang mit Herkunft und Krankheitsverlauf. Für den Therapieprozess ist die Diagnose der Klient:innen nicht immer entscheidend, was die Arbeit mit gemischten Zielgruppen ermöglicht. Außerdem sind die Übergänge zwischen Verhaltensauffälligkeiten, geistiger Behinderung und psychischen Störungen fließend. So taucht zum Beispiel in der kategorialen Einteilung psychischer Erkrankungen nach der internationalen Klassifikation (siehe Tabelle 1) die Kategorie Intelligenzminderung auf, die mit zunehmendem Schweregrad auch als geistige Behinderung bezeichnet wird. Ebenso lassen sich Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen und psychische Erkrankungen nicht klar voneinander abgrenzen; ihre Erscheinungsbilder überschneiden sich.

4.1 Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen

Howard Gardner entwickelte in den 1980er-Jahren eine Intelligenztheorie, in der er zwischen multiplen Intelligenzen unterscheidet. Die Theorie hilft, Menschen individuell in ihren Stärken zu fördern, damit sie zufrieden oder erfolgreich durchs Leben gehen können. Gardner unterscheidet unter anderem Intelligenzen des künstlerischen, sprachlichen und musikalischen Bereichs. Für unser Thema relevant ist jedoch die soziale Intelligenz, die er in intra- und interpersonale Intelligenz unterteilt.

Menschen mit ausgeprägter intrapersonaler Intelligenz verfügen in hohem Maß über eine Selbstwahrnehmung, die mit der Realität übereinstimmt. Innerpsychische Prozesse wie Gefühle und Stimmungen der eigenen Person werden erkannt und beeinflusst. Selbsterkenntnis und das Hinterfragen der eigenen Verhaltensweisen helfen, Schwächen und fehlenden Antrieb zu überwinden. Entscheidungen können klar getroffen werden, weil ein Verständnis für das eigene Motiv vorhanden ist und Selbst- und Fremdbild abgestimmt werden.

Interpersonale (soziale) Intelligenz beschreibt die Art und Weise der Beziehung einer Person zu ihren Mitmenschen und zu Tieren. Besonders ausgeprägt sind hier die Empathie – „sich in jemanden hineinversetzen“ – und das Deuten der daraus abgeleiteten Gefühlsregungen. So können nonverbale Regungen und Absichten des Gegenübers nachempfunden und verstanden werden, und es kann entsprechend gehandelt werden. Stimmungen und Emotionen lassen sich in eine bestimmte Richtung lenken, um zum Beispiel jemanden aus einer negativen Gefühlslage herauszuholen.

„Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen fehlt es oft an diesen oben erwähnten Fähigkeiten, sie haben Schwierigkeiten sich im bestehenden Sozialgefüge zurechtzufinden und die vorherrschenden Werte und Normen bzw. die menschlichen Zwischenbeziehungen zu akzeptieren. Gefühle wie Mitleid und Liebe zeigen werden mit ‚Schwäche‘ in Verbindung gebracht, deswegen würden sie sich Mitmenschen gegenüber nur schwer oder gar nicht öffnen. So werden bestehende Probleme nur unzureichend oder mit Gewalt gelöst. Für die Menschen mit sozialen Problemen kann eine Therapie mit Tieren sehr hilfreich sein und ihnen helfen wieder soziale Beziehungen aufzubauen.“ (Igelhaut 2006)

Häufige Ursachen für ein großes Gewalt- und Kriminalitätspotenzial bei Jugendlichen sind Verhaltensauffälligkeiten, die schon in der Grundschulzeit auftreten. Ausgelöst werden sie meist durch Vernachlässigung der Aufsichtspflicht durch die Eltern, negative Erziehungsformen oder Beziehungskonflikte, die über einen längeren Zeitraum vor dem Kind ausgetragen werden.

4.2 Psychische Erkrankungen

Die Weltgesundheitsorganisation hat für medizinische Diagnosen ein Klassifikationssystem herausgegeben (ICD-10, International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Psychische Störungen werden darin in hundert Klassen unterteilt, die wiederum zehn Diagnosegruppen zugeordnet werden; der dreistellige Code ergibt eine grobe Bezeichnung der Diagnose. Unter dem Buchstaben „F“ sind alle psychischen Erkrankungen zu finden. Die Diagnose wird in Haupt- und Nebendiagnose unterschieden, Mehrfachcodierungen sind möglich.

CodeKlassifikation nach ICD-10
F0Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen
F1Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
F2Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
F3Affektive Störungen
F4Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
F5Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren
F6Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
F7Intelligenzminderung
F8Entwicklungsstörungen
F9Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
Tabelle 1 (Quelle: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, Version 2016)

Eine psychische oder seelische Störung ist zum Beispiel eine Störung der Stimmungsregulation, eine Einschränkung der Wahrnehmung oder eine Beeinträchtigung sozialer Beziehungen. Die Ursachen psychischer Erkrankungen sind biologischer, psychologischer und sozialer Herkunft. Zu den biologischen Faktoren gehört ein Ungleichgewicht der Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn, das die Weiterleitung und Verarbeitung von Sinneseindrücken verhindert. Psychische Erkrankungen sind vererbbar, für den tatsächlichen Ausbruch spielen jedoch soziales Umfeld, Lebenssituation und Belastungen eine große Rolle. Verletzlichkeit und Widerstandskraft sind bei manchen Menschen stärker, bei anderen weniger stark ausgeprägt; die Reaktion auf Stresssituationen kann zum Ausbruch einer psychischen Störung führen. Für Menschen mit höherer Vulnerabilität ist es daher wichtig, auch das „psychische Immunsystem“ zu stärken.

Bis auf organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen (F0), die Funktionsstörungen des Gehirns und Demenzerkrankungen umfassen, eignen sich alle in Tabelle 1 genannten Störungen für therapeutisches Imkern. Für alle Erkrankungen mit Verhaltens- und Entwicklungsstörungen sowie Verhaltensauffälligkeiten stellen einige Aspekte des therapeutischen Imkerns eine Hilfestellung dar. Sozialer Rückzug und Antriebslosigkeit sind häufige Begleiterscheinungen einiger psychischer Erkrankungen und können durch die Therapie mit den Bienen zu mehr Integrität führen.

Unter neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen (F4) sind Zwangsstörungen und Phobien zu verstehen. Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren (F5) sind in den meisten Fällen Ess- und Schlafstörungen.

Um das Konzept mit den Klient:innen umzusetzen, muss die Lebenssituation der Menschen mit psychischen Störungen berücksichtigt werden. Manche leben in Wohngruppen bzw. Heimen, andere befinden sich in stationärer oder ambulanter klinischer Behandlung oder – wie im Fallbeispiel unten – in einer forensischen Psychiatrie. Das Konzept muss auf die individuellen Lebensumstände abgestimmt sein und erfordert Flexibilität in der Umsetzung.

4.3 Menschen mit geistiger Behinderung

Als geistig behindert werden Menschen mit Beeinträchtigungen der kognitiven Fähigkeiten und einem IQ unter 70 bezeichnet. In den meisten Fällen treten auch sprachliche, motorische, emotionale und soziale Defizite auf. Ursachen sind genetische oder chromosomale Defekte (z. B. Down-Syndrom) sowie pränatale, perinatale oder postnatale Schädigungen:

  • Pränatale Schädigungen sind Hirnschädigungen des Embryos bzw. Fetus, die durch Sauerstoffmangel, Infektionskrankheiten der Mutter oder den Konsum von Alkohol oder Nikotin ausgelöst werden können.
  • Perinatale Schädigungen entstehen durch Sauerstoffmangel kurz vor oder während der Geburt.
  • Postnatale Schädigungen entstehen nach der Geburt des Kindes und werden durch bakterielle Infektionen oder durch Impfschäden verursacht.

Im Unterschied zu psychischen Erkrankungen sind geistige Behinderungen nicht behandelbar und müssen lebenslang pädagogisch beaufsichtigt werden. Erlernen Menschen mit geistiger Beeinträchtigung grundlegende Selbstversorgungsfertigkeiten, können sie auch selbstständig leben. Gut geeignet sind jedoch Einrichtungen, in denen sie gefördert werden und eine zufriedenstellende Aufgabe ausführen können.

5. Was fördert therapeutisches Imkern?

Aufgrund der verschiedenen Verlaufsformen psychischer Erkrankungen liegen die Ziele, die mit therapeutischem Imkern verfolgt werden, bei jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer in unterschiedlichen Bereichen.

5.1 Umgang mit Ängsten

Viele Menschen haben Angst vor der Reaktion der Bienen – vor dem Unbekannten, das Gefahren in sich birgt. Bestehen Ängste vor neuen Aufgaben oder Perspektivlosigkeit, können sie durch eine sinnvolle Tätigkeit, die Kraft und Mut gibt, überwunden werden. Die Arbeit mit den Bienen bietet Anlass, neue Erfahrungen zu sammeln, und ermöglicht einen besseren Umgang mit Ängsten oder Phobien.

5.2 Bildung und Aufbau von Vertrauen

Durch den stetigen Kontakt entsteht Vertrauen zu einer zuvor unbekannten Tierart. Wer den Umgang mit den Bienen erlernt, kann ihre Reaktionen besser einschätzen. Ruhige Handbewegungen, umsichtiges Handeln und große Aufmerksamkeit bewirken friedliche, sanftmütige Bienen und schaffen damit mehr Vertrauen. Ist das Sozialverhalten gegenüber Menschen gestört, sorgen Tiere, da sie eine neutrale Rolle einnehmen, oft für ein Aufbrechen von Ängsten und Verschlossenheit und verhelfen zu einem neuen Zugang zu anderen Menschen.

5.3 Steigerung des Selbstwertgefühls

Die Imkertätigkeit ist eine sinnvolle Aufgabe mit sichtbarem Ergebnis: der Erzeugung von Honig. Die Herstellung dieses kostbaren Produkts, einer der gesunden Süßungsmittelquellen, macht die Teilnehmenden stolz. Die Zusammenarbeit in der Gruppe mit einem gemeinsamen Ziel, aber auch die Verantwortung für eine neue Aufgabe im Leben steigern das Selbstwertgefühl.

5.4 Förderung der Konzentration

Während des Imkerns ist die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Aufgabe gerichtet, die bewusstes Handeln erfordert. Die Art und Weise des Umgangs mit den Bienen kann zu aggressiver Stimmung im Volk führen: Wird ruppig und ungeduldig gearbeitet, macht sich das im Stock bemerkbar, und zuvor friedliche Bienen beginnen, sich gegen den Stress zu wehren. Bei aufkommender Gefahr gehen Bienen in eine Verteidigungsposition, um ihr Volk zu schützen. Jeder Arbeitsschritt muss deshalb durchdacht sein, bevor er ausgeführt wird, und erfordert höchste Konzentration.

5.5 Aggressionsbewältigung

Bei unruhiger Stimmung im Bienenvolk oder gar aggressiven Stechversuchen einzelner Bienen ist es notwendig, Ruhe zu bewahren – sonst folgt unmittelbar die Resonanz. Eigene tief sitzende Aggressionen werden von den Bienen gespiegelt; das soll dazu anregen, Emotionen besser unter Kontrolle zu haben und zu reflektieren. Strukturiertes, organisiertes Arbeiten vermindert aufkommenden Stress und motiviert dazu, einen neuen Umgang mit Stress zu finden. Durch die unmittelbare Reaktion der Tiere werden die Folgen des eigenen Verhaltens bewusst, denn die Bienen zeigen klare Grenzen auf.

5.6 Frustrationsbewältigung

Frustrationen, die bei Misserfolgen aufsteigen, können beobachtet werden. Zwischen dem Bienenvolk und den Emotionen besteht kein direkter Zusammenhang; die Bienen sind lediglich Auslöser für andere Themen, die zum Vorschein kommen können und Anlass zur Reflexion geben. Es geht nicht darum, dem alltäglichen Lebensumfeld zu entfliehen, sondern sich den auftauchenden Problemen zu stellen und einen Umgang damit zu finden.

5.7 Positive Auswirkungen auf Sozialverhalten und Sozialkompetenz

Zwischen Bienenhalter:in bzw. -betreuer:in und Bienenvolk entsteht eine eigene Kommunikationsebene. Das nähere Kennenlernen der Tiere kann einen leichteren Zugang schaffen, als er zu einem anderen Menschen möglich ist. Die Bereitschaft, eine Beziehung zu den Bienen einzugehen, ist unter Umständen größer und kann dazu führen, dass das aufgebaute Vertrauen auf den Kontakt mit Menschen übertragen wird. Auch die Zusammenarbeit in der Gruppe fördert das Sozialverhalten: Es entsteht eine besondere Gruppendynamik, in der jedes Mitglied seine Rolle einnimmt und alle gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten. Aufkommende Konflikte werden ausgetragen und Lösungswege gesucht.

5.8 Wahrnehmung schulen

Durch die bewusste Aufnahme von Sinneseindrücken lässt sich die Wahrnehmung schulen. Die Geräusche des Bienenvolks sind Ausdruck des Gemütszustands der Bienen bzw. Hinweis auf Veränderungen im Volk. Der Geruch im Bienenstock ist sehr intensiv und hat heilende Eigenschaften (Apitherapie). Beim Berühren des Kastens oder des oben aufliegenden Wachstuchs lassen sich Temperaturunterschiede wahrnehmen. Bienen sind Warmblüter und müssen ihren Wärmehaushalt selbst regulieren; als Schwarmtraube können sie sich auf bis zu etwa 42 °C aufheizen.

Prozesse und Bewegungsabläufe im Volk lassen sich sehr gut beobachten. So gibt zum Beispiel der Anflug am Flugloch Aufschluss darüber, wie aktiv ein Volk ist und wie viel Pollen, Nektar und Propolis gesammelt wird. Auch die Schwarmstimmung lässt sich über die Sinne gut erkennen. Es ist ein eindrückliches Erlebnis, wenn ein Schwarm auffliegt und den ganzen Himmel mit Bienen bedeckt.

5.9 Lebenssinn, Lebensantrieb und Lebensmut finden

Eine neue Aufgabe im Leben kann den Lebenssinn stärken. Ziel dieser Arbeit ist es, ein Produkt zu gewinnen, das es schon seit Urzeiten gibt und das wichtige Nährstoffe liefert. Auch die entstehenden Nebenprodukte wirken gesundheitsfördernd. Das gibt Kraft im Leben und das befriedigende Gefühl, einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen.

5.10 Erfolgserlebnisse fördern

Das Ziel, Honig zu produzieren, schafft ein großes Erfolgserlebnis, wenn alles gut verlaufen ist. Aber auch kleine, gemeinsam erreichte Schritte und bewältigte Probleme führen zum Erfolg.

6. Beispiele: Forensische Psychiatrie Mainkofen und Justizvollzugsanstalt Offenburg

6.1 Forensische Psychiatrie Mainkofen

Die forensische (gerichtliche) Psychiatrie Mainkofen in Deggendorf ist eine Klinik für psychisch kranke Straftäter. Neben Kunst-, Musik-, Bewegungs- und Sporttherapie bietet sie viele weitere Therapieformen an. Seit 2013 gibt es als neues Verfahren die sogenannte tiergestützte Intervention. Wie inzwischen in vielen Einrichtungen sind in Mainkofen Hunde, Pferde, Alpakas und Aquarienfische als Therapietiere im Einsatz. In einem dieser neuen Projekte, das eine Sozialpädagogin ins Leben gerufen hat, werden Bienen zu Therapiezwecken eingesetzt.

Arbeitstherapeutisch interessant ist die Arbeit mit Bienen, weil die Straftäter Verantwortung für eine Aufgabe übernehmen, die Struktur braucht und zusätzlich ergebnisorientiert ist. Viele psychisch Erkrankte haben verlernt, eine sinnvolle und zufriedenstellende Freizeitgestaltung zu finden; sie fühlen sich orientierungs- und haltlos. Eine aktive Gestaltung des Tagesablaufs wirkt gesundheitsfördernd und soll Rückfällen vorbeugen. Sie fördert neue Kontakte und den sozialen Umgang mit den Mitpatient:innen; gleichzeitig entsteht eine Beziehung zu den Tieren, die Respekt und Aufmerksamkeit erfordert. Aggressives Verhalten gegenüber den Bienen löst eine Reaktion des Bienenvolks aus, die mit schmerzhaften Stichen verbunden ist. Erfolge geben den Straftätern ein neues Selbstbewusstsein, Misserfolge erhöhen die Frustrationstoleranz.

Der Imkerverein stellte der Klinik für den Einstieg zwei Bienenvölker zur Verfügung und schulte Betreuende und Betreute im Umgang mit Bienen und in der Bienenhaltung. Die gleiche Ausgangssituation brachte Mitarbeitende und Patienten auf eine Stufe und schuf mehr Vertrauen zueinander. Der Bienenstand befindet sich am Rand des Klinikgeländes.

Die Klinik Mainkofen hat einen Regelkatalog aufgestellt, der den richtigen Umgang mit den Bienen beschreibt und die Zuständigkeiten verschiedener Mitarbeitender festhält. Die Aufgaben sind auf die Beschäftigungsbereiche des Klinikgeländes verteilt: So ist zum Beispiel die Gärtnerei für den Anbau von Blühpflanzen zuständig, um auch in Phasen von Engpässen ausreichend Tracht für die Bienen bereitzustellen. Außerdem gibt es Verantwortliche für die Bienenpflege und die Produktverwertung.

Die Idee, Bienenvölker zu betreuen, entstand aus dem Grundgedanken, eine Initiative gegen den fehlenden Imkernachwuchs zu ergreifen. Die Bienenhaltung bewirkt zwar keine Reduzierung des Bienensterbens, aber einen Anstieg der Befruchtung von Wild- und Kulturpflanzen sowie von Obstplantagen und Streuobstwiesen. Den Ertrag der Pflanzen verdanken wir den Bienen, denn ca. 70 % der Kulturpflanzen werden von Bienen bestäubt; sie tragen so zu unserer Lebensgrundlage bei und sichern unser Nahrungsmittelangebot. Das Projekt „Bienentherapie“ in Mainkofen wird nach aktuellen Aussagen der Projektleiterinnen weiterhin erfolgreich fortgeführt.

6.2 Justizvollzugsanstalt Offenburg

Die Justizvollzugsanstalt Offenburg beherbergt Untersuchungs- und Strafgefangene mit Haftzeiten von wenigen Tagen bis lebenslang. Für Gefangene mit Störungsbildern mittelschwerer Art im Bereich von Gewalt-, Sexual- und Suchtdelikten finden Sozialtherapien statt. Viele der Gefangenen sind mit Gesprächstherapie schwer zu erreichen; eine praktische Tätigkeit bietet sich daher sehr gut an, um mit ihnen in Kontakt zu kommen.

Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation und Verlust von Lebenssinn veranlassen die Betroffenen, in ihrer starken Frustration Gewalttaten auszuüben. Von allein finden sie keinen Weg heraus, vielmehr verlieren sie sich in diesen negativen Gefühlen, wenn aus ihrem Umfeld keine Hilfe kommt. Mit der Arbeit des Imkerns finden sie neuen Lebensmut: Sie ist eine konstruktive Tätigkeit, die mit einem greifbaren Ergebnis ein stärkeres Selbstwertgefühl gibt.

Der Bienenstand befindet sich auf dem Dach des Gefängnisses und ist mit einigen Bienenstöcken bestückt. Das Trachtangebot der umliegenden Felder ist sehr gut, sodass die Bienen reichlich Nektar in den Stock eintragen und später genügend Honig geerntet werden kann. Die neue Erfahrung, eine sinnvolle Aufgabe auszuführen, stabilisiert die Gefangenen in ihrer momentanen Lebenssituation. Sie lernen, bei der Arbeit Ruhe zu bewahren und sich kooperativ im Team zu verhalten. Viele Arbeiten am Bienenstand lassen sich auf den Alltag übertragen.

Das genaue Beobachten der Prozesse im Bienenvolk und in der umgebenden Natur führt zu einem achtsameren Umgang mit unserem Lebensraum. Das Produzieren von Honig regte die Gefangenen dazu an, mehr über die Lebensmittelherstellung nachzudenken: Regional gewonnener Honig hat einen anderen Wert als Honig aus Exportländern wie China, Argentinien und Mexiko, in denen Honig zu kleinsten Preisen verkauft wird. Deutlich wird auch die Rolle der Bienen in unserem Ökosystem – durch ihre Bedeutung für die Bestäubung unserer Pflanzen sind sie von unserer Erde nicht wegzudenken.

Die Idee, Tiere in forensischen Einrichtungen zu therapeutischen Zwecken einzusetzen, stammt ursprünglich aus Amerika. 1975 führte ein Gefängnispsychologe einen Versuch in der Vollzugsanstalt Lima (Ohio) durch: Er schaffte Stationstiere an, um die Kommunikation der Insassen untereinander zu verbessern. Die Insassen versorgten die Tiere und fanden so Zugang zu einer neuen Beschäftigung. Das Gefühl, gebraucht zu werden, hebt Resignation und Zweifel auf und veranlasst, neue Wege im Leben zu gehen.

7. Das Wesen der Bienen

Unter den bestäubenden Insekten wie Hummeln, Fliegen, Käfern, Schmetterlingen und Wildbienen spielen die Bienen die wichtigste Rolle in unserem Ökosystem, denn etwa 80 % der Nutz- und Wildpflanzen werden von der Honigbiene (Apis mellifera) bestäubt. Viele solitär lebende Wildbienen sind – im Gegensatz zur Westlichen Honigbiene, die sich auf verschiedene Trachten einlässt – auf eine einzige Pflanzenart oder -gattung angewiesen.

Manche Kulturpflanzen sind zu 100 % auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen, dazu zählen Kakao- und Maracujabaum und die Vanillepflanze. Aber auch in unseren Breiten heimische Obstbaumarten, Erdbeeren und Sonnenblumen benötigen Insekten als Bestäuber. Raps bringt durch die Honigbiene beispielsweise einen Mehrertrag von etwa 25 % (Boecking 2010).

Bienen gelten als besonders intelligente Tiere. Der Neurobiologe Prof. Randolf Menzel und Thomas D. Seeley haben sich ausgiebig mit der Funktionsweise des Gedächtnisses und des Lernens der Bienen sowie mit ihren Entscheidungsformen beschäftigt. „Die Intelligenz der Bienen zeigt sich in ihrem Orientierungssinn und in ihrer Kommunikationsfähigkeit“ (Menzel 2017). Bienen haben einen angeborenen „Sonnenkompass“ als Orientierungsmechanismus, mit dem sie die kürzesten Strecken zu ihrem Ziel finden.

Über ein Steuerhormon wird das ganze Volk von der Königin geregelt, aber auch Kommunikation und akustische Signale unter den Bienen tragen zu einem erfolgreichen Ablauf im Stock bei. Über den „Schwänzeltanz“ teilen sie einander mit, wo die beste Futterquelle oder ein geeigneter neuer Nistplatz zu finden ist. Der Tanz gibt genaue Informationen über in großen Mengen vorhandene Ressourcen wie Nektar, Pollen und Kittharz, über die Qualität der gefundenen Quelle und über die exakte Lage des Fundorts.

Die Anthroposophen vertreten sogar die Ansicht, die Bienen hätten eine höhere Bewusstseinsstufe als der Mensch erlangt. Sie sehen in der Biene das Symbol des Geistesmenschen, der nichts von der Sterblichkeit weiß – denn das Bienenvolk bildet zur Fortpflanzung einen Schwarm und teilt sich vom Rest des Volkes, ohne dass seine Lebensvorgänge unterbrochen werden.

Die Bienen sind auf ganz besondere Weise organisiert, mit bestimmten Arbeitsverteilungen in wechselnden Rollen. Je nach Jahreszeit leben im Bienenstock etwa 30 % männliche und 70 % weibliche Bienen. Die weiblichen Bienen, die Arbeiterinnen, lassen sich in zwei Gruppen einteilen:

  • Stockbienen sorgen für die Aufrechterhaltung im Inneren des Stocks. Dazu gehören Aufgaben wie Wachsschwitzen, Wabenbau, Brutfüttern, Fluglochwache, Säubern und Aufräumen.
  • Flug- oder Sammelbienen sammeln Nektar, Honigtau, Pollen, Kittharz und Wasser. Bei guten Wetterbedingungen halten sie sich nur draußen auf, übergeben die gesammelte Beute den Stockbienen und fliegen gleich wieder los.

Die wichtigste Aufgabe, ohne die die Bienen nicht fortbestehen könnten, übernimmt die Königin: Sie legt die Eier – zu Spitzenzeiten bis zu 2.000 pro Tag – und sichert damit die Vermehrung der Bienen.

Die männlichen Bienen heißen Drohnen. Sie produzieren Sperma und sorgen damit indirekt ebenfalls für den Fortbestand des Bienenvolks. Drohnen treten besonders stark in der Schwarmphase auf, etwa von April bis August. Nach der Geschlechtsreife fliegen sie regelmäßig aus, um eine junge Königin zu begatten, die sich gerade auf dem Hochzeitsflug befindet. Nur die schnellste und vitalste Drohne schafft es, die Königin zu begatten; ihr Geschlechtsapparat verbleibt bei der Königin, die Drohne fällt hinab und stirbt.

Erstaunlich ist, dass die Drohnen die Drohnensammelplätze etwa zur selben Zeit aufsuchen, zu der sich auch die Königin dort aufhält. Vermutlich gehen von diesem Ort Signale aus, etwa über Pheromone und ein für Insekten wahrnehmbares Polarisationsmuster der Sonnenstrahlung, das die Bienen dorthin lockt. Wie genau Orientierung und Kommunikation von Drohnen und Königinnen ablaufen, ist bisher jedoch ungeklärt.

Drohnen sind nicht in der Lage, sich um ihre Nahrung zu kümmern; sie sind auf den sozialen Futteraustausch mit den Arbeiterinnen im Stock angewiesen. Nach der Sommersonnenwende endet ihre Versorgung: Den Drohnen wird der Zugang zum Stock verwehrt und die Nahrung verweigert, sie werden im Stock nicht mehr gebraucht. Durch den Nahrungsmangel werden sie flugunfähig und verhungern.

Arbeiterinnenlarven werden in den ersten drei Larvenstadien von Ammenbienen reichlich mit Gelée royale gefüttert, das aus der Futtersaft- und der Oberkieferdrüse der Ammen gewonnen wird. Danach bekommen sie nur noch Pollen und Nektar. Junge Königinnen werden dagegen bis zur Verdeckelung ihrer Zelle weiter mit dem Weiselfuttersaft versorgt. Gelée royale hat eine hohe Konzentration an Vitaminen, Enzymen, Aminosäuren und Spurenelementen und gibt den Bienen viel Energie und einen starken Wachstumsschub.

8. Praktische Umsetzung therapeutischen Imkerns

8.1 Organisationsformen

Um therapeutisches Imkern umzusetzen, müssen sich zwei Fachbereiche verbinden: das Wissen einer Imkerin oder eines Imkers und die Fähigkeiten eines im sozialen und/oder therapeutischen Bereich tätigen Menschen. Eher selten bringt eine Person beides mit. Einrichtungen, die therapeutisches Imkern anbieten wollen, sollten sich deshalb Imker:innen als Kooperationspartner suchen. Ansprechpartner können die örtlichen Imkervereine sein, die auch Neuimker:innen schulen und in Form von Imkerpatenschaften betreuen.

Die Imkerin bzw. der Imker übernimmt die Verantwortung für das Wohlbefinden der Bienenvölker und führt in die notwendigen Arbeitsschritte ein, während die sozialtherapeutisch verantwortliche Person die therapeutischen Ziele im Auge behält. Mit wachsenden imkerlichen Fähigkeiten kann die Einrichtung die Bienenhaltung auch in Eigenregie fortführen, sodass keine Hilfe von außen mehr benötigt wird.

Ist das nicht das Ziel einer Einrichtung, kann therapeutisches Imkern auch als externe Dienstleistung in Anspruch genommen werden. Der Anbieter übernimmt dann alle nötigen Maßnahmen und führt das Angebot selbstständig durch. Die Einrichtung muss in diesem Fall keine Arbeitsleistung erbringen und nicht in den Erwerb der Bienenvölker und die Errichtung des Bienenstands investieren, muss aber die höhere Fremdleistung vergüten. Da therapeutisches Imkern in Deutschland bisher nur in Einzelfällen praktiziert wird, gibt es keine eigenständigen Anbieter – sie müssten bei Bedarf erst geschaffen werden.

Die Bienen können an einem Standort stehen, der an eine Einrichtung angeschlossen ist. Das ermöglicht den Bewohner:innen oder Besucher:innen stetigen Zugang und Kontakt. An schönen Tagen lässt sich auch ohne Öffnen des Deckels das rege Treiben am Flugloch beobachten; die Bienen sind als Teil der Umgebung ständig präsent. Anders ist es, wenn ein externer Standort angefahren werden muss. Für ein erstes Kennenlernen der Bienen, ohne Verpflichtungen einzugehen, kann das aber durchaus sinnvoll sein. Auch bei Platzmangel oder bei Problemen mit Anwohner:innen kann man diese Variante wählen.

Die Rahmenbedingungen müssen in jedem Einzelfall mit allen Beteiligten abgestimmt und an die jeweilige Situation angepasst werden. Für stationäre Einrichtungen und Heime bietet sich ein Bienenstand auf dem eigenen Gelände an. Für Träger der Jugendhilfe, die mit verschiedenen Gruppen arbeiten und oft keine eigenen Freiflächen haben, ist ein externer Bienenstand eine gute Möglichkeit. Das schafft Abwechslung im Alltag der Betreuten und ermöglicht neue Eindrücke in einer fremden Umgebung.

8.2 Am Bienenstand

Zu Beginn jedes Treffens sollte eine Einleitung gegeben werden. Sie sollte Folgendes enthalten:

  1. Die Situation des Bienenvolks im Jahresverlauf: Was passiert gerade im Bienenvolk? Welche inneren Prozesse laufen gerade ab? Wie sind die äußeren Bedingungen (z. B. Wetter, Blühpflanzenangebot)? Welche Entwicklungen sind zu erwarten?
  2. Rückblick auf die Tätigkeiten beim letzten Treffen: Welche Ziele wollten wir beim letzten Mal erreichen?
  3. Die anstehenden Arbeiten: Welche Entwicklungen sollen gefördert werden? Worauf ist besonders zu achten?
  4. Organisation der Arbeit: Aufgabenverteilung und konkretes Vorgehen.

Wie die Durchführung genau aussieht, richtet sich nach den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Teilnehmenden. Die Möglichkeiten reichen vom reinen Wahrnehmen über einfache Handgriffe bis hin zum selbstständigen Arbeiten in der Gruppe. Wichtig ist, dass ein achtsamer und respektvoller Umgang mit den Bienen vermittelt wird. Die Teilnehmenden lernen, Verhalten und Reaktionen der Bienen zu verstehen. So können anfängliche Ängste abgebaut und bei sanftmütigen Völkern weitgehend auf Schutzkleidung verzichtet werden. Mit der Zeit bekommen die Teilnehmenden ein Gespür für den angemessenen Umgang mit den Bienenvölkern.

Am Ende jedes Treffens sollten eine Reflexion und ein Ausblick stattfinden:

  1. Entsprach die Situation unseren Erwartungen?
  2. Gab es Probleme oder Erfolge bei der Arbeit mit den Bienen?
  3. Gab es überraschende Erkenntnisse oder Eindrücke der Teilnehmenden?
  4. Wie erwarten wir die Situation bei unserem nächsten Besuch?

Sicherlich ist es sinnvoll, zumindest am Anfang eine schriftliche Korrespondenz zu führen.

8.3 Imkerliche Tätigkeiten im Jahresverlauf

Die imkerlichen Tätigkeiten konzentrieren sich parallel zur vegetativen Entwicklung auf die Monate Mai, Juni und Juli; besonders während der Ernte gibt es viel zu tun. In der restlichen Zeit des Jahres und besonders im Winter geht es gemächlicher zu. Was genau an den Völkern getan wird, richtet sich nach der Betriebsweise der verantwortlichen Imkerin bzw. des verantwortlichen Imkers.

  • Frühes Frühjahr (März – April): Kontrolle der Futtervorräte und des Entwicklungsstands der Bienenvölker; eventuell alte Waben entnehmen.
  • Spätes Frühjahr (April – Mai): Brutraum erweitern, Baurahmen einhängen, Brutwaben entnehmen, Ableger bilden, Honigräume aufsetzen, eventuell Schwarmkontrolle. Mitte bis Ende Mai ist Zeit für die erste Ernte.
  • Frühsommer (Juni – Juli): eventuell Schwarmkontrolle, Baurahmen ausschneiden, Brutwaben entnehmen, Ableger bilden, Honigräume aufsetzen. Mitte bis Ende Juli meist die zweite Ernte.
  • Spätsommer und Herbst (August – Oktober): nach der Ernte Ameisensäurebehandlung, Altwaben entnehmen, Auffütterung für den Winter, Wachs einschmelzen.
  • Winter (November – Februar): Oxalsäurebehandlung, Materialien erneuern und reparieren (Anfertigen von Beuten, Rähmchen usw. in einer Holzwerkstatt), Rähmchen drahten, Mittelwände einlöten, Kerzen ziehen.

8.4 Honigerzeugung

Ein weiterer wichtiger Teilbereich der Imkerei ist das Gewinnen, Verarbeiten und eventuell Vermarkten des Honigs. Hierin liegt auch für das therapeutische Imkern ein besonderer Anreiz, denn die Teilnehmenden können ein hochwertiges und allgemein geschätztes Lebensmittel erzeugen. Der Honig kann selbst verzehrt werden, Überschüsse können verschenkt oder mit eigenen Etiketten verkauft werden.

Für das Entdeckeln und Schleudern der Waben sowie das anschließende Rühren und Abfüllen des Honigs sind neben einer geeigneten Räumlichkeit auch einige Geräte und Utensilien erforderlich. Die Investition zahlt sich erst nach einigen Jahren Honigproduktion aus; eventuell können Fördergelder in Anspruch genommen werden. Wird therapeutisches Imkern als externes Angebot durchgeführt, kann die Honigerzeugung in den Räumen des Anbieters stattfinden. Auch hier können die Teilnehmenden eingebunden werden und „ihren eigenen“ Honig abfüllen. Seitens des Trägers oder der Einrichtung sind dafür keine zusätzlichen Investitionen notwendig.

8.5 Bienenwachs und Propolis

Weitere Produkte aus dem Bienenvolk sind Bienenwachs und Propolis, das Kittharz der Bienen. Die Beschäftigung mit diesen wertvollen und wohlriechenden Substanzen ist besonders in der kalten und dunklen Jahreszeit eine willkommene Abwechslung.

Bienenwachs wird durch das Einschmelzen von Altwaben und Entdeckelungswachs gewonnen. Aus dem gereinigten Wachs lassen sich Kerzen ziehen oder gießen – eine Tätigkeit, die häufig in Tagesfördereinrichtungen angeboten wird. Durch das Mischen von Bienenwachs mit anderen Ölen und Pflanzenextrakten lassen sich außerdem hochwertige Salben sowie Mittel zur Oberflächenbehandlung von Holz herstellen.

Propolis sind von den Bienen gesammelte und angereicherte Pflanzenharze, mit denen die Bienen undichte Stellen ihrer Behausung abdichten. Zudem wird jeder Fremdkörper im Inneren der Behausung mit Propolis überzogen und dadurch desinfiziert. Um Propolis zu gewinnen, legt man ein spezielles, mit Schlitzen versehenes Gitter auf die Behausung der Bienen, die die Schlitze dann mit Propolis verschließen. Das Gitter wird wieder abgenommen und eingefroren. In gefrorenem Zustand lässt sich das sonst sehr klebrige Propolis aus dem Gitter brechen und anschließend in Alkohol auflösen. Propolis wird für verschiedene medizinische und naturheilkundliche Zwecke eingesetzt.

9. Standort und benötigte Materialien

Um einen Bienenstand einzurichten, benötigt man nur wenig Grundfläche. Der Platz sollte gut zugänglich, bestenfalls nach Südosten ausgerichtet und nicht zu schattig sein. Im Sommer ist ein wenig Schatten jedoch für die Bienen – und gerade für die Menschen, die die Bienen betreuen – eine Wohltat. In Richtung der Fluglöcher brauchen die Bienen zwei bis drei Meter Platz als Einflugschneise. Selten erfüllt ein Standort alle Bedingungen, doch daran sollte das Vorhaben nicht scheitern. Da die Bienen ihren Nektar in einem Umkreis von bis zu fünf Kilometern suchen, ist das Blütenangebot im direkten Umfeld nicht entscheidend.

Eine weitere Frage ist die Wahl der Beuten, also der Behausungen der Bienen. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme, die meist nicht miteinander kompatibel sind. Kooperiert man mit einer Imkerin oder einem Imker, sollte man ein System wählen, das diese Person kennt.

Eine für das therapeutische Imkern besonders geeignete Form der Bienenunterbringung ist die sogenannte Einraumbeute. Sie besteht, wie der Name schon sagt, aus nur einem Raum und kommt der ursprünglich bevorzugten Behausung der Bienen in freier Natur sehr nahe. Da das Volk in der Einraumbeute nicht nach oben, sondern zur Seite hin erweitert wird, lässt sich das ganze Volk auf einmal wahrnehmen. Eine Durchsicht des Stocks ist für das Volk wesentlich stressfreier, denn um zum Beispiel Brutnestwaben zu ziehen, müssen weder Honigraum noch andere aufgesetzte Zargen abgenommen werden. Wird das Wachstuch nur zur Hälfte aufgedeckt, ist eine Trennung von Brut- und Honigraum möglich, ohne die Bienen bei ihrer Arbeit zu stören. Mit den großen Waben entsteht ein zusammenhängender Volkskörper, der vor allem für ein großes, zusammenhängendes Brutnest – wie es unter natürlichen Bedingungen angelegt wird – wichtig ist. Ebenso gewährleisten große Waben die Eigenversorgung mit Honig.

Außerdem benötigt man einige Arbeitsutensilien wie Smoker und Stockmeißel, einen Bienenbesen, eine Sprühflasche mit Wasser sowie Schutzkleidung – also Schleier, Jacke und Handschuhe – für alle Beteiligten. Oft ist es nicht nötig, Schutzkleidung zu tragen, sie sollte aber jederzeit griffbereit sein.

10. Zusammenfassung

Die Idee des therapeutischen Imkerns ist bislang kaum verbreitet und wird nur vereinzelt in Einrichtungen praktiziert. Neu an diesem Konzept ist die größere Flexibilität, mit der diese Therapieform durchgeführt werden kann: Es besteht keine zwangsläufige Bindung an eine Einrichtung oder Zielgruppe, sondern das Imkern kann Gruppen auch als externe Dienstleistung angeboten werden. Die Arbeit mit den Bienen kann das therapeutische Angebot für viele Zielgruppen in unterschiedlichen Situationen bereichern.

Der Aufbau einer Beziehung zu den Bienen unterscheidet sich stark von der Beziehung zu einem einzelnen Tier. In tiergestützten Therapien wird gewöhnlich mit Säugetieren gearbeitet, während die Bienen als staatenbildende Insekten andere Möglichkeiten und Schwerpunkte in der therapeutischen Arbeit bieten. So wird zum Beispiel bei Pferden, Hunden oder Delfinen viel über die Persönlichkeit der Tiere und die spielerische Interaktion erreicht. Zwischen Mensch und Tier sind Blickkontakt und eine der menschlichen ähnliche Kommunikationsweise möglich. Die Tiere können die Gefühle ihres menschlichen Gegenübers wahrnehmen und reagieren oft unterstützend darauf. Die Klient:innen fühlen sich dadurch angenommen und verstanden.

Bei den Bienen begegnet uns dagegen eher ein überpersönlicher Organismus, der als Ganzes wahrgenommen wird. Bei der Arbeit an einem Bienenvolk gewinnt man Einblick in ein komplex organisiertes Gefüge und lernt, dessen Prozesse zu verstehen und zu begleiten. Die Pflege der Bienen und die Erzeugung von Honig und anderen Bienenprodukten erfüllen zudem viele Aspekte arbeitstherapeutischer Maßnahmen.

Die Bienen sind seit Jahrtausenden mit den Menschen verbunden, und gerade in jüngster Zeit erlebt diese Verbindung neuen Schwung. Das gestiegene gesellschaftliche Bewusstsein für den Wert der Bienen und ihre schwierige Situation führt dazu, dass die Zahl der Jungimker:innen vor allem in den Städten seit einigen Jahren wieder steigt. Es ist daher zu erwarten, dass auch therapeutische Einrichtungen und Anbieter zunehmend Interesse am Imkern als Therapieform zeigen werden. Dieser Bericht soll die Möglichkeiten und Bedingungen aufzeigen, die dieses neue Feld bietet, und bei den ersten Schritten unterstützen.

Literatur

  • Bienentagebuch 2013/2014 im Bezirksklinikum Mainkofen; Artikel Bienenprojekt 3/2015.
  • Igelhaut, Stefan: Einsatzmöglichkeiten für Tiere in der Therapie. Allgemeine Informationen und Beispiele. Akademische Arbeit, 2006.
  • Boecking, Otto: Bestäubung – Wieso benötigen wir Honigbienen, um Obst ernten zu können? Infoblatt, 2010.
  • Interview mit Randolf Menzel, 8/2017.
  • Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, Version 2016.
  • Frömming, Heiko (2006).

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Natur als therapeutischer Raum

Wie Natur therapeutisch genutzt werden kann, ist auch Thema unserer Ausbildungen.